Geplantes Azubiwerk: Wirtschaft fordert wirksame Mobilitäts- und Wohnraumlösungen statt teurer Bürokratie

  • Breite Datenbasis: Knapp 4.500 [RK1] Auszubildende aus Industrie, Handel, Dienstleistungen und Handwerk beteiligten sich an den Befragungen zu Wohnen und Mobilität.
  • Befund: 80 Prozent sind mit ihrer Wohnsituation zufrieden; statt Wohnheimen stehen die eigene Wohnung, Mobilität sowie Fahrt- und Mietkostenzuschüsse im Fokus.
  • Haushaltspolitische Kritik: Geplante 7 Millionen Euro drohen zu großen Teilen in einem neuen behördlichen Apparat zu versickern.
  • Alternativen: Landesweites Azubi-Ticket, temporäre Unterkünfte für Blockunterricht an Berufsschulstandorten und Standorten der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU) sowie Stärkung betrieblicher Wohnprojekte.

Die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern in Schleswig-Holstein sprechen sich gegen die geplante Errichtung eines Azubiwerks in der gegenwärtig diskutierten Form aus. Der vorliegende Referentenentwurf zur Schaffung einer neuen Anstalt des öffentlichen Rechts gehe an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen im Flächenland vorbei und binde knappe Haushaltsmittel in kostspieligen Verwaltungsstrukturen. Zu diesem Urteil gelangen die Spitzen beider Organisationen anlässlich der Vorstellung aktueller Umfrageergebnisse, an denen sich knapp 4.500 Auszubildende (rund 2.842 aus IHK-Berufen und 1.085 aus dem Handwerk) beteiligt haben.

Die Kammern bekennen sich ausdrücklich zu mehr Unterstützung für den beruflichen Nachwuchs. Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung entstehe jedoch nicht dadurch, dass Strukturen von Hochschulen oder Stadtstaaten blind kopiert werden. Stattdessen fordern IHK und HWK, die veranschlagten Landesmittel in Höhe von jährlich sieben Millionen Euro ohne bürokratische Reibungsverluste direkt bei den Auszubildenden und in der regionalen Infrastruktur ankommen zu lassen.

 IHK: Öffentliche Mittel sollten direkt bei Azubis ankommen

Aus Sicht der IHK Schleswig-Holstein setzt der Gesetzentwurf die falschen Prioritäten. Jörg Orlemann, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel, warnt vor dem Aufbau eines neuen behördlichen Apparats: „Wir sagen aus voller Überzeugung Ja zu bezahlbarem Wohnen, Ja zu verlässlicher Mobilität und Ja zu gezielten Hilfen für Auszubildende. Doch der vorliegende Gesetzentwurf schafft ein Bürokratiemonster. Bei einem jährlichen Landeszuschuss von sieben Millionen Euro würde ein erheblicher Teil allein durch Leitung, Gremien, Personal, IT und Verwaltung einer neuen Landesanstalt verschlungen. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen darf kein Geld in zusätzlichen Behördenetagen versickern. Schleswig-Holstein ist kein Stadtstaat: Wir brauchen keine neuen Doppelstrukturen und bürokratischen Lasten, sondern passgenaue Lösungen, die unmittelbar vor Ort bei den jungen Menschen ankommen.“

Wie wenig ein zentralisiertes Wohnheimangebot den tatsächlichen Wünschen des Ausbildungsnachwuchses entspricht, belegen die Ergebnisse der IHK-Befragung. Sebastian Grothkopp, Geschäftsbereichsleiter Aus- und Weiterbildung der IHK zu Lübeck, stellte das Zahlenwerk im Detail vor:  Demnach sind über 80 Prozent der IHK-Auszubildenden mit ihrer Wohnsituation aktuell sehr zufrieden, zufrieden oder neutral. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) wohnt weiterhin bei der Familie, gut ein Viertel (26 Prozent) bereits in den eigenen vier Wänden. Lediglich 21 Prozent sind für die Ausbildung umgezogen. Bei den Wohnwünschen zeigt sich ein klares Bild: 88 Prozent der Befragten streben eine eigene Wohnung an, während Wohnheime und WGs nur von rund 10 Prozent gewünscht werden. Selbst unter jenen, die ihre Wohnungssuche als schwierig empfanden, käme nur für knapp die Hälfte ein Wohnheim in Betracht. Grothkopp hob hervor, dass Betriebe schon heute ein entscheidender Erfolgsfaktor bei der Wohnungsfindung sind: „Wo Ausbildungsbetriebe aktiv unterstützen, beurteilen 44 Prozent der Azubis die Wohnungssuche als leicht oder sehr leicht – ohne betriebliche Hilfe sind es nur 16 Prozent. Die Daten zeigen unmissverständlich: Wir brauchen keine staatlichen Wohnheimstrukturen am tatsächlichen Bedarf vorbei, sondern gezielte Kooperationen zwischen Betrieben, Kommunen und der regionalen Wohnungswirtschaft.“

HWK: Flächenland braucht Wege-Lösungen statt Großstadt-Konzepte

Für das schleswig-holsteinische Handwerk machen die Hauptgeschäftsführer Björn Geertz (HWK Flensburg) und Christian Maack (HWK Lübeck) deutlich, dass die Herausforderungen im Flächenland ganz andere sind als in Ballungsräumen: Handwerkliche Ausbildung finde dezentral über das gesamte Land verteilt statt – vom Ausbildungsbetrieb auf den Nordseeinseln über die Gewerbegebiete in den Mittelzentren bis in die kleinsten Dörfer. Eine duale Ausbildung funktioniere nicht nach der Logik eines geschlossenen Hochschulcampus.

Die HWK-Umfrage unter 1.085 Handwerks-Auszubildenden belegt, dass der entscheidende Engpass im Alltag nicht die Wohnsituation, sondern der Schulweg ist: Während 86 Prozent der Handwerksazubis ihren Ausbildungsbetrieb in unter 45 Minuten erreichen, sind knapp 43 Prozent zur Berufsschule länger als 45 Minuten pro einfacher Strecke unterwegs.

Christian Maack und Björn Geertz unterstreichen die Notwendigkeit praxisnaher Mobilitäts- und Beschulungskonzepte: „Viele Jugendliche im Handwerk haben akut kein Wohnproblem, sondern ein massives Erreichbarkeitsproblem. Wer im Flächenland Schleswig-Holstein helfen will, muss bei Berufsschulwegen, ÜLU-Standorten, Mobilität und bezahlbarer Unterbringung im Blockunterricht ansetzen. Ein zentral organisiertes Azubiwerk löst diese Probleme nicht. Es droht vielmehr, neue Verwaltungs- und Beratungsstrukturen aufzubauen. Mit den Handwerkskammern, Kreishandwerkerschaften, Innungen und Bildungsstätten verfügt das Handwerk bereits über eine flächendeckende, regional verankerte und funktionierende Beratungs- und Unterstützungsstruktur. Eigene Beratungs- und Betreuungsangebote eines Azubiwerks wären teure Doppelstrukturen. Unsere Azubis fordern vor allem direkte Entlastung: 54,2 Prozent wünschen sich Mietzuschüsse, 46,8 Prozent Fahrtkostenzuschüsse und 44,4 Prozent günstigen Wohnraum. Genau hier muss das Land ansetzen.“

Alternativpaket der Wirtschaft: Fünf Punkte für wirksame Entlastung

Statt eine neue Landesanstalt zu gründen, schlagen IHK und HWK der Landespolitik ein dezentrales, betriebsnahes Maßnahmenpaket vor:

  1. Azubi-Ticket: Ein bezahlbares, landesweites Azubi-Deutschlandticket entlastet Auszubildende unmittelbar, flächendeckend und ohne baulichen Vorlauf.
  2. Berufsschulunterbringung & Blockunterricht: Gezielter Ausbau und Zuschüsse für Internate, Übernachtungsmöglichkeiten und Jugendherbergskooperationen an überregionalen Berufsschul- und ÜLU-Standorten.
  3. Ortsflexiblere Beschulungsformen: Ausbau moderner digitaler Unterrichtsformate und wohnortnaher Beschulungsmodelle zur Reduzierung unzumutbar langer Fahrzeiten.
  4. Betriebliche Wohnprojekte stärken: Förderprogramme, Darlehen und steuerliche Anreize für Betriebe, die Werkswohnungen reaktivieren oder Wohnraum anmieten.
  5. Direkte Unterstützung statt Verwaltung: Gezielte Miet- und Fahrtkostenzuschüsse für besonders betroffene Gruppen (u. a. Härtefälle, Pendler mit extremen Wegstrecken oder internationale Auszubildende), anstatt Fördermittel in einem Verwaltungsapparat zu binden

 

Positionspapier der HWK SH zum Azubiwerk (154,89 KB)

Dr. René Koch Leiter Kommunikation, Wirtschaftspolitik und Betriebsberatung Telefon 0461 866-182 r.koch@hwk-flensburg.de